Es liegt alles beriet in dir. Dein Naturfeld darf sich entfalten.

Dezember 2020


Innehalten



Wir schreiten mit großen Schritten auf den dunkelsten Tag des Jahres zu. Die Wintersonnende am 21. Dezember markiert nicht nur die längste Nacht und den beginnenden Winter, sondern auch den Beginn eines neuen Jahreszyklus. Unsere Vorfahren feierten an diesem Tag das Fest Yule, den Beginn des neuen Jahreskreises, die Geburt des neuen Lichtes. Christen feiern die Geburt Jesus. Neubeginn beschreibt die Zeitqualität am besten.

Jedoch ist es heute längst noch nicht so weit. Noch geht das Tageslicht ab. Wir können uns noch nicht zurücklegen. Die Adventszeit beschreibt es ja wortwörtlich. Der Präfix „Ad“ beschreibt genau diese Vorbereitung hinzu, jedoch noch nicht das Ziel.

Die vorweihnachtlichen Zeit in unserer Kulturkreisen ist jedes Jahr mit einem vollen Kalender verbunden: Weihnachtsfeier hier, Weihnachtskonzert dort, Weihnachtsmarkt da, Schul-Wichteln noch… Also keinerlei Vorbereitung, sondern schon das volle Tun! Eine völlige Entsinnung der Zeitqualität, meine und sage ich seit mindestens 10 Jahren. In diesem merk-würdigen Jahr ist alles anders. Die behördlichen Maßnahmen zwingen zuhause zu bleiben, zwingen das Verweilen in den vier Wänden. Und ja, ich genieße es.

Lass uns hier kurz zu unseren Vorfahren zurückblicken. Lass uns eine Zeitreise machen… in einer Zeit ohne Fernwärme, ohne Strom, ohne fließendes Wasser in den Häusern, ohne Supermarkt, der einem rund ums das Jahr versorgen kann. Ohne Straßenbeleuchtung weder nachts noch im Winter. Ohne Apotheke, die man für jedes beginnende Leiden besuchen kann. Ohne Kino oder Einkaufszentrum für deine Unterhaltung. Selbst die Witterung, die einst herrschten, ähnelten nicht unseren. Ja… unsere Ahnen mussten sich der Wandel der Natur stets im Jahreskreis anpassen. Und sie wussten es. Wir sind der lebendiger Beweis dafür. Sie konnten die kosmischen Gesetzen und natürliche Gegebenheiten stets verstehen und verinnerlichen. Das Verständnis dieser Kreisläufe und die Integration im alltäglichen Leben waren für das pure Überleben erforderlich.

Die Herausforderungen haben sich im Laufen der Jahrhunderten geändert. Der moderne Mensch hat sich stets besser organisiert: die Versorgung mit Lebensmitteln und Heilmitteln ist soweit in unseren Kreisen gesichert. Die Grundversorgung ist für die meisten Menschen gegeben. Wir kämpfen nicht mehr um das pure Überleben gegen Verhungern und Kriegen. Das Verständnis dieses ewigen Jahreskreislaufes für uns moderne Menschen hat sich dementsprechend verwandelt. Uns kann das bewusste Leben nach dem Jahreskreis das Verständnis für DAS Leben schlechthin bringen, das Verständnis für den Sinn unseres Lebens bringen sowie uns stets helfen, uns an die neuen sozialen und inneren Herausforderungen unserer modernen Zeit achtsam bewusst anzupassen.

Kommen wir nun wieder zum Kern. Soweit brauchen wir nicht einmal in der Geschichte zurückblicken. Meine 94-jährige Großmutter berichtete mir aus ihrer Kindheit. Die enge Familie saß in der dunklen Jahreszeit am Feuer. Sie flickten die Kleidung. Sie nähten. Sie plauderten. Sie erzählten sich Geschichten aus der Familiensaga und Märchen. Sie kochten gemeinsam. Sie spielten Karten oder ein Spiel. Merkt ihr, dass heuer auch dies wieder passiert? Vermehrt verbringen wir Zeit mit unseren Engsten. Ohne Ablenkung. Nur mit dem notwendigsten Tun. Nur mit inniger Unterhaltung. Innehalten im Kreis der Familie.

Innehalten persönlich geht noch weiter. Inne-halten. Inne. Halten. Lass uns dieses Wort näher betrachten. Seine Bedeutung ist zweisinnig und polar. Wie könnte es in diesem Jahr anders sein, nicht wahr? Die erste Beschreibung „mit einer Arbeit für kürzere Zeit aufhören“ steht in Kontrast zur zweiten Erläuterung „etwas einhalten, sich zu etwas anhalten“.

Kinder, vor allem Kleinkinder und Babys, können uns wieder daran erinnern, wie das Innehalten im Alltag funktioniert. Sie schlafen überall, wenn sie müde sind. Sie fordern ihr Essen, wenn sie hungrig sind. Wenn ihnen nach Spielen und Spaß ist, tun sie es. Kaum hat etwas ihre Interesse erweckt, können sie sich lange damit beschäftigen.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel aus der Tierwelt. Wenn es ein Tier nicht gut geht, zieht es sich zurück. Es sucht einen schützenden Platz, wo er solange verweilen kann, bis seine Kondition sich verbessert hat. Es frisst nicht mehr oder nur das, was heilkundig hilft. Mir kommt gerade auch das Bild vom Bär im Winterschlaf: er kann so die stoffwechsel-feindliche Jahreszeit überspringen.

Was passiert denn mit uns, Erwachsene? Warum hat sich der moderne weltliche Mensch so aus dem natürlichen Rhythmus, aus dem innigen Rad selber herausgeschleudert? Entwicklungstechnisch stammt der Mensch aus den Affen. Er hat also diese ur-instinktive Reflexe noch inne. Dies kann man einfach nicht mit der verstandsseitigen Bezeichnung „moderner Mensch“ überschreiben. Neurologische Prozesse und genetische Programmierung kann man nicht mit dem Verstand ausradieren. Das probiert jedoch die westliche Welt. In unseren Kreisen heißt es: arbeiten, produktiv sein, das ganze Jahr lang. Ruhe kann am Wochenenden oder in den Urlaub wieder erlangt werden… Die Rückseite der Facette: Burn Out, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depression, Schlaflosigkeit…

"Wir können die Zeit nicht anhalten,

aber innehalten können wir zu jeder Zeit."

Kurt Haberstich 

Es ist jedoch so einfach, dieses Innehalten. Schaue dich jeden Morgen und jeden Abend je eine Minute in den Spiegel an. Taste deine Gesichtszüge mit deinen Fingern – ohne Bewertung. Höre, was in deinem Körper vorgeht – ohne Bewertung. Schaue dir tief in den Augen an: dort wohnt deine Seele – ohne Bewertung. Rieche deine Haut, deine Haare, deine Aura – ohne Bewertung. Koste diese aus – ohne Bewertung! Atme dabei tief ein und aus. Verweile in diesem innigen Moment so lange du magst. Auch wenn dies sich das allererste Mal unnatürlich anfühlt, wird es mit der Zeit einen ganz neuen Zugang zu dir eröffnen.


Lade gerne deine Kinder, deinrn Lebenspartner, deine Freunde ebenfalls dazu. Sei ein Vorbild für die nächste Generation: lehre den Kindern diese einfachste Form der Achtsamkeit gegenüber sich selbst. Es benötigt keinen Kurs, keinen Workshop, keine Stunde. Nur eine Minute in der Früh und am Abend für sich allein. Denn die Qualität und nicht die Quantität deines Tun und deiner Zeit entscheidet über dein Wohlbefinden.

Zum Schluss noch eine Anmerkung: die deutsche Grammatik klassifiziert „Innehalten" als starkes Verb. Ich stimme es ganz zu!


Wann hältst du das nächste Mal inne? Magst du mir mitteilen, wie es dir dabei erging?

Ich freue mich auf deine Erfahrung(en).